AKTUELLE BILDUNGSDISKUSSION:SOZIALKOMPETENZ KEIN THEMA?
AKTUELLE BILDUNGSREFORM: SOZIALKOMPETENZ KEIN THEMA?
“Offener Brief an Bildungsminister Wiederkehr“
Mag.a Barbara Nanoff-Schediwy, MA
Juristin, Mediatiorin, Kommunikationstrainerin und Konfliktberaterin
In der gegenwärtigen – sehr notwendigen – Diskussion um eine Erneuerung des Lehrplans, vermisse ich schmerzlich das Thema Sozialkompetenz an Schulen, für dessen Dringlichkeit das Bewusstsein in der Öffentlichkeit bzw. bei den Verantwortlichen m.E. trotz erschreckender Datenlage nicht ausreichend gegeben ist.
Zwar ist das Erlernen von Sozialkompetenz ein übergeordnetes Bildungsziel in Österreich. In § 2 SchuOG wird die Aufgabe der österreichischen Schule definiert, die Jugend nach “sittlichen, religiösen und sozialen Werten” zu bilden. In den allgemeinen Bestimmungen der Lehrpläne wird die Förderung der Selbst- und Sozialkompetenz als durchgängiges Bildungsziel genannt. Hochqualitative Handlungsempfehlungen, Leitfäden und eine Reihe von Studien zum Thema liegen seit Jahren in ausreichendem Ausmaß vor.
Umso bestürzender ist laut einer aktuellen OECD Studie aus dem Jahr 2025 einen Anstieg von Mobbingfällen und Gewalt an Schulen. Schon 2015 zeigte die PISA Studie, dass 20% der 15 Jährigen mindestens einmal pro Monat Opfer von Mobbing werden. Damit lag Österreich schon damals an der Spitze Europas. 18 Prozent der Lehrenden an Mittelschulen berichten, dass mehr als 30 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler verhaltensauffällig (6% an AHS) sind. Bei 3 Prozent der Schulen kommt es immer wieder zu Gewalt unter den Schülerinnen und Schülern. Die Spitze des Eisbergs dieser betrüblichen Situation findet schließlich in Form von aufsehenerregenden und erschütternden Fällen in den Medien. Ein kurzer Aufschrei der Öffentlichkeit und alle guten Vorsätze landen offenbar wieder in der Schublade.
Eine erschreckende Diskrepanz zwischen Auftrag und Realität an Österreichs Schulen wird hier deutlich. Viele Lehrende, besonders jüngere, fühlen sich angesichts dieser Situation überfordert. Kein Wunder, ist doch das Thema Konfliktmanagement und Sozialkompetenz kein fixer Bestandteil aller Lehrendenausbildungen, sondern wird in vielen Ausbildungen nur als freiwilliges Seminar angeboten.
Argumentiert wird häufig mit der Schulautonomie, die es Schulen freistellt, wie sehr sie sich diesem Thema widmen wollen. Manche Schulen haben tatsächlich Peer Group Mediation oder das Fach Kommunikation/Kooperation/Kooperation eingeführt. In den neuen Lehrplänen der berufsbildenden höheren Schulen gibt es sogar den Pflichtgegenstand „Persönlichkeitsbildung und soziale Kompetenzen“.
Letztlich sind aber Schülerinnen und Schüler an Schulen, die das Thema Sozialkompetenz nicht zum Schwerpunkt gemacht haben, Leidtragende dieser Freiwilligkeit, wenn sie mit psychischer, körperlicher Gewalt, Einsamkeit und Ausgrenzung allein bleiben. Mit (teils) katastrophalen Folgen !
Solange Soziales Lernen nicht verpflichtend und flächendeckend für alle SchülerInnen und Schüler in als Unterrichtsfach in den Lehrplan integriert wird, an Schulen kein explizites Klima der Wertschätzung verankert ist, bleibt der gesetzliche Auftrag der „sittlichen und sozialen Wertebildung“ ein hohles Versprechen. Eine Schule die nur Wissen vermittelt bereitet nicht auf das Leben vor.
Besonders in eher konservativen Kreisen wird regelmäßig mit der Verantwortung der Familien für ihre Kinder argumentiert. Das ist ein hehres Ziel. Ich erlaube mir den etwas sarkastischen Gedanken, dass es in Österreich zwar einen verpflichtenden Hundeführerschein gibt – Kinder darf hingegen jede/r erziehen, egal welche Haltung/Kompetenzen im menschlichen Umgang er oder sie mitbringt.
Abgesehen davon, dass es vollkommen an der Realität vorbei geht, das alle Familien die Möglichkeit haben, ihren Kindern ausreichend Aufmerksamkeit und Geborgenheit zu vermitteln (man denke an Todesfälle, Krankheit, Depression, Arbeitslosigkeit), ist es schlichtweg eine Tatsache, dass es aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen eine vermehrte Verlagerung des Erziehungsauftrages von der Familie in die Schule gibt.
Die Bestrebungen, die Zahl der SchulpsychologInnen zu erhöhen, sind ein positiver Schritt in die richtige Richtung ist, das Problem wird damit aber nicht an der Wurzel packt.
Wir brauchen Lehrende, die eine fundierte Ausbildung in Bereichen wie Sozialkompetenz und Konfliktmanagement erfahren haben. Unsere Kinder / Jugendlichen haben es verdient, mit ihren Ängsten, Wünschen Sorgen und Überforderungen angemessen und professionell begleitet zu werden. Dafür reicht kein einmaliger Workshop aus. Dies sind Fähigkeiten, die über Jahre – genauso wie Mathematik, Englisch (oder auch Latein!) – regelmäßig geübt werden müssen.
Gerade in Hinblick auf die gewaltigen Veränderungen, die sich im Rahmen der rasanten Entwicklungen der künstliche Intelligenz anbahnen, werden „Soft Skills“ eine noch größere Bedeutung als bisher erlangen. Im beruflichen Leben wird die künstliche Intelligenz viele Kompetenzen ersetzen können, nicht aber das, was Teams, Familien, Institutionen jeglicher Art, der Gesundheitsberich und die psychische Gesundheit/ Produktivität dringend brauchen: Sozialkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz unserer Zeit und hat gesellschaftspolitisch eine essentielle Bedeutung:
Arbeitslosigkeit, Depression, Aggression und Gewalt, Extremismus, mangelnde Produktivität und Krankheit sind zu einem guten Teil Folgen davon, dass wir es schlichtweg nicht erlernt haben, Konflikte konstruktiv zu bewältigen, achtsam miteinander umzugehen und unsere Bedürfnisse adäquat zu äußern. Die Folgen sind oft verheerend und abgesehen, vom Leid das hier entsteht, teuer für unseren Sozialstaat.
Deswegen sind nachhaltige, verpflichtende, flächendeckende und hoch – qualifizierte Ausbildungen zum Thema sowohl in der Lehrendenausbildung und im Unterricht die einzige Möglichkeit, einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. In der Folge können auch hocheskalierte Konflikte kompetent begleitet werden bzw. angemessene Lösungsverfahren in Gang gesetzt werden.
Es ist vor allem die Verantwortung der Politik, Rahmenbedingungen für alle Schulen zu schaffen, die ein friedliches Miteinander ermöglichen. Nur so wird Wissensvermittlung effektiv möglich.
Sehr geehrter Herr Minister Wiederkehr, ich bitte Sie sehr eindringlich, darauf bei Ihrem Einsatz für eine Reform der Bildung in Österreich nicht zu vergessen.
https://mein.aufstehn.at/petitions/gewaltpravention-sozialkompetenz-und-friedensforderung-an-allen-schulen
